Wolf Lotter, Wirtschaftsjournalist und Autor, schreibt seit vielen Jahren einen Essay für den Geschäftsbericht der Aareal Bank und bringt damit eine andere Perspektive hinein.

Bausteine des Guten

Schön: Wahrsager leben davon, sie machen so etwas dauernd, sowie viele ihrer modernen Nachfolger. Nicht wenige davon leben allerdings weniger von der Präzision ihrer Weissagungen als von einem gnädigen Gedächtnis der Menschen. Der gnädige Nebel des Vergessens relativiert die kühnsten Erwartungen. In der Praxis aber gilt das Wort des großen Dichters Mark Twain: „Prognosen sind äußerst schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen“.

Das stimmt alles. Aber darum geht es gar nicht, wenn wir von Zukunft und Innovation reden. Vielleicht sollten wir mal klären,was das eigentlich ist, Zukunft und Innovation.

Die alte Vorstellung von Zukunft war die einer Zeit, in der alles möglich ist – und dennoch alles vorhersehbar. Das hat schon mit der Wortbedeutung zu tun – „Zukunft“, das heißt im Mittelhochdeutschen soviel wie „Ankunft“. Gemeint ist damit die Ankunft Gottes – und damit das Jüngste Gericht. Die Gegenwart war eine Wartehalle für den Weltuntergang und so verhielten sich die  Leute auch, demütig. Sie mieden das Experiment der Gestaltung. Die Zukunft war Schicksal. Da konnte man nichts machen. Es machte wenig Sinn, an diesem Schicksal zu drehen, also Ideen zu haben, wie man sich das irdische Leben im Vergleich zu dem,was man hatte, schöner, komfortabler und insgesamt erfreulicher gestalten könnte. Wer kann schon mit dem Paradies mithalten? Insofern waren Innovationen im Mittelalter eine sehr rare Angelegenheit. Bereits vorhandenes Wissen aus der Antike wurde zum Teil bewusst unter Verschluss gehalten, weil das herrschende Weltbild das als Herausforderung des göttlichen Plans gesehen hätte. Wer auf dieser Welt nach Erneuerung strebte, forderte Gott direkt heraus – so sah man das.

Doch die Zeiten änderten sich allmählich. Schon bevor das Mittelalter zu Ende ging, begann ein zunehmend selbstbewusstes Stadtbürgertum mit dem Bau der größten Gebäude, die die Welt bis dahin gesehen hatte, der Kathedralen. Diese großen Kirchen sind mehr als Gotteshäuser, sie dienten den Bürgern an den Wochentagen auch als Versammlungsort, an denen man immer öfter darüber redete, wie man in der Stadt und in ihren Einrichtungen etwas besser machen konnte. Allein der Bau der Gebäude dauerte lang. Das ist ein Beispiel für den Aufbruch in die Moderne, auf den langen Weg, der zur Aufklärung führt. Die neue Zukunft ist kein Schicksal, sondern ein Gestaltungsraum für alle, die etwas besser machen wollen und können.

Aufklärung und Moderne lehren, dass die Zukunft nicht nur kein Schicksal ist, sondern ein Ziel mit vielen Zwischenetappen, die wir jeweils unterschiedlich gestalten können. Wir haben die Wahl. Wir müssen entscheiden. Solche Zwischenetappen können der Kampf gegen den Hunger und die Armut sein, das Erreichen von Bildungsstandards, die Verbesserung von Wohn- und Lebensverhältnissen oder der Gesundheit, die Versorgung mit guten Konsumgütern.

Diese Utopien, wie man positive Zukunftsbilder nennt, werden durch das ständige Bemühen ausgefüllt, sich mit dem, was man hat, nicht zufrieden zugeben, sondern es kontinuierlich zu verbessern und, wenn das nicht reicht, ganz neu zu denken. Wahre Revolutionen, so hat es die deutsch-amerikanische Autorin Hannah Arendt gesagt, haben immer den Willen zum Neubeginn. Dazu muss man bereit sein, im Fall der Fälle alles neu zu denken – und nicht bloß Details.

Zukunft ist ein Geschäft für Leute, die Lust am Denken und Gestalten haben.

Und spätestens hier sind wir auch bei der wahren Innovation an gelangt. Das sind Innovationen.

Erneuerungen, wie das deutsche Wort dafür lautet, hängen von schöpferischem, kreativem Wissen und Neugier ab. Sie verlangen also nach den Grundtugenden der Wissensgesellschaft, in der es nicht mehr darum geht, möglichst optimiert das immer Gleiche zu tun – sondern durch Forschung, Entwicklung und eine Kultur der Veränderung tatsächlich neue Wege einzuschlagen.

Innovationen sind die Bausteine der Zukunft. Zukunft besteht aus ihnen. Diese Bausteine, Innovationen, sind weit mehr als Erfindungen oder neue Ideen, Verfahren oder Prozesse, die es bis dahin noch nicht gab. Innovationen haben, so lehrt der große Ökonom Joseph A. Schumpeter, immer die Kraft zu einer weitreichenden Veränderung – zur „schöpferischen Zerstörung“, wie er 1911 schreibt,einem Prozess, der in der Kunst als ganz selbstverständlich gilt.

Die neuere Forschung hat diesen Begriff als „Disruption“ aufgenommen. Beides meint: Innovationen sind nicht bloß Verbesserungen, Optimierungen des Gewohnten, sondern sie verändern die Spielregeln und manchmal eine ganze Kultur. Innovationen sind Neubau, kein Tapetenwechsel.

Doch manchmal kommt das Mittelalter noch ein wenig zurück, dann wird aus Zukunft Schicksal, aus Innovationen eine unmoralische Angelegenheit. In den Aufbaujahren der Wohlstandsgesellschaft waren Begriffe wie Zukunft, Innovation und Fortschritt positiv besetzt.Zukunftsforscher wie der gewichtige Herman Kahn vom amerikanischen Hudson Institute berieten die Mächtigen der Welt. Doch der Wohlstand brachte Zweifel – und die Sorge, das, was man schon hatte, durch allzu gewagte Manöver aufs Spiel zu setzen. Wo alle immer mehr und zunehmend viel haben, verliert die Zukunft an Strahlkraft, Innovationen werden zur Worthülse. Der Soziologe Ulrich Beck erkannte das bereits vor 30 Jahren in seinem Bestseller „Risikogesellschaft“, der eine Gesellschaft beschreibt, in der die negativen Zukunftsbilder, die Dystopien, die positiven Utopien allmählich verdrängen. Gewiss: Die unbegrenzte Zukunftsgläubigkeit der allzu optimistischen Nachkriegsjahre und ihres „Anything Goes“ übersah auch viele Probleme. Man verschob unerwünschte Nebenwirkungen einfach ins Morgen. Die Zukunft musste als Abstellraum für alles herhalten, was man heute nicht erledigen wollte. Was zählte,war das Jetzt. Aber auch das bedeutet unter dem Strich: No Future.

Es ist nicht falsch, in der Gegenwart zu leben, es ist aber naiv zu glauben, dass das genügt. Denn die Wahrung des Wohlstands hängt von unserer Entwicklungsfähigkeit ab. Nichts trifft die Sache besser als die Feststellung des italienischen Schriftstellers GiuseppeTomasi di Lampedusa: „Es muss sich alles verändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist.“

Das ist die große Herausforderung für alle Gesellschaften und Unternehmen in der gegenwärtigen Transformation – wieder eine optimistische, gestaltbare Zukunft denken zu wollen, echte Innovationen zu erkennen und nach Kräften eine Kultur zu fördern, in der diese Kerntugenden der Wissensgesellschaft blühen können. Ohne Angst, ohne Sattheit, mit der Freude an der Gestaltung einer Welt, in der es unendlich viele Probleme gibt, aber noch viel mehr Lösungen dafür und Chancen. Der Computer-Pionier Alan Kay hat das auf den Punkt gebracht: Die beste Methode, die Zukunft vorherzusagen,ist immer noch, sie zu gestalten. Joseph Schumpeter hat Menschen, die das können, einen bescheidenen, aber klaren Namen gegeben: Unternehmer.